Aus Liebe zum Laufen

Aus Liebe zum Laufen

Sonntag, 17. Juli 2016

Die Leiden der jungen Mutti

,,Frau Steinhauer kommen Sie bitte nochmal!",ertönt die Stimme der Sprechstundenhilfe durch die Praxis :,, Ich muss Sie nochmal wiegen. Die Waage scheint kaputt zu sein!"
Ich stemme mich aus dem Sessel und schleppe mich zum Behandlungszimmer. Es ist warm. Nein es ist heiß. Wochenlang setzen dunkle Regenwolken Bonn unter Wasser und plötzlich brennen 32 Grad nackte Sonne die Stadt nieder. Nicht ein Lüftchen Wind. Schnaufend setze ich ein zweites Mal meine angeschwollenen Füße auf die Waage.
,,Wahnsinn, Sie haben 8 kg seit dem letzten Termin zugenommen!" Charmant, erzählen Sie mir mehr.
,,Na gut, dann ist die andere Waage wohl doch nicht kaputt." Ich versuche zu lächeln und spreche mein inneres Mantra ,,Das ist normal. Du bist schwanger. Du bist wunderschön. Die Schwangerschaft ist das Schönste was es... um Himmelswillen, wenn der kleine Braten aus dem Ofen ist, werde ich so lange laufen gehen, bis ich meine Füße wieder sehen kann und nur noch ein Kinn habe!"

Laufen. Es fehlt mir so. Natürlich laufe ich noch. Aber auch nur dann, wenn ich mich gut genug fühle und dann sehr langsam und nicht sonderlich weit. Wenn ich meine üblichen Strecken entlang schlender, sehe ich vor meinem inneren Auge, mein früheres Ich vorbeisausen. Mit großen Schritten renne ich durch die Bäume hindurch und tauche erst nach zwei Stunden schweißgebadet und glücklich im Dickicht auf. Es gibt einfach kein schöneres Gefühl.
Ich sitze auf einer Parkbank und male die silbrigen Streifen auf meinen Oberschenkeln nach. Wie ein Teenager schmolle ich und sehne mich nach meiner Jugendliebe. Dem Laufen.
Das letzte noch passende Laufshirt rutscht mir über den Bauch und ein heftiges Treten von Innen holt mich zurück.
Wer den kleinen Hasen Klopfer von Bambi kennt, kann sich ungefähr vorstellen wie mein Bauch dabei aussieht. Wie es sich anfühlt, lässt sich kaum beschreiben. Ich lächle. Doch, es gibt ein schöneres Gefühl als das Laufen.

Ja, ich kann meine Füße nicht mehr sehen, dran komme ich sowieso nicht mehr. Der Moment in dem man sich Birkenstockschlappen anschafft oder nach seinem Verlobten plärrt, damit er Nägel lackiert oder Schuhe bindet. Die silbernen kleinen Würmchen auf meinen Schenkeln werden noch fiese Schwangerschaftsstreifen. Ja ich habe kaum noch etwas zum Anziehen. Aus meinen Laufshorts hängen die Backen und meine Shirts schaffen es schon lange nicht mehr über die runde Plauze.
Nachts kann ich nicht schlafen. Auf dem Rücken bekomme ich keine Luft, Bauch geht nicht und auf der Seite wird der Arm taub. Und wenn man dann mal eine Position gefunden hat, dann gibt es einen ordentlichen Roundhouse-Kick in die Blase und ich darf zum fünften Mal aufstehen, gegen die Bettkante rennen und mich auf dem Klo erleichtern.
Und umso wärmer es draußen wird, desto dicker werden die Füße. Wenigstens kann man die Zeit, in der man die Klumpen hochlegt, sinnvoll nutzen und die kleinen Wollflusen aus dem Bauchnabel (JA! Hallelujah er ist noch drin!) popeln die von dem akuten Bauchhaarwuchs verursacht werden.
Mein Blutdruck gleicht der einer 90 Jährigen. Die Liste ist lang.
Und die Gedanken an die bevorstehende Geburt machen das Ganze nicht viel reizvoller.
Wieso tut sich Frau das an?
Sie tritt mich.
Genau deswegen.
Der Moment, wenn du feststellst, dass du keine Blähungen hast, sondern das sich da ein kleines Wesen in dir bewegt. 
Der Moment, wenn du kleine Strampler in der Hand hälst und sie immer wieder auf und zu faltest, weil du nicht fassen kannst, dass da ein Mensch reinpassen soll.
Der Moment, wenn du beim Ultraschall siehst, wie dein Kind am Daumen nuckelt.
Wenn dein Partner deinen Bauch küsst und ihm Sachen zuflüstert die du nicht hören sollst.
Wenn du deinem Bauch das doppelte Lottchen vorliest und ganz genau weißt, dass da jemand ist der dich, wenn auch sehr gedämpft, hören kann.

Wer schon einmal schwanger war, kann das nachempfinden. Wer es noch nicht war, soll sich seine erste große Liebe vorstellen und das Gefühl verzehnfachen. Selbst das ist nicht genug.

Laufen ist toll. Keine Frage. Und ich werde noch genug Gelegenheiten haben, durch die Wälder zu rennen. Mir die Füße wund zu laufen und neue Bestzeiten bei den tollsten Events zu erzielen.
Aber bis dahin, werde ich das täglich wachsende Glück in mir aufsaugen und genießen.

Samstag, 9. Juli 2016

Homert Berglauf in der Heimat

Die Letzten werden die Ersten sein.

Heute waren Florian und ich, mal wieder, in der Heimat und haben es uns nicht nehmen lassen uns beim Homert Berglauf anzumelden.

Der Lauf sollte erst nachmittags stattfinden und Papa bot mir an, mir schon am frühen Morgen die Strecke , bei einem gemütlichen Spaziergang, zu zeigen.
Ich lehnte dankend ab. Gut so, denn hätte ich gesehen was da auf mich zu kommt, hätte ich es mir vermutlich anders überlegt.

33 muntere Läufer versammelten sich am Schloss Neuenhof und bestückten sich mit ihren Startnummern.
Noch schnell drei Mal Pipi machen vor dem Start und schon konnte es los gehen. Wir starteten gleich bergauf in den Wald hinein. Dann ging es bergauf und nach den ersten Anstiegen ging es ... bergauf. Berglauf. Mir kam der Name schon so seltsam vor.
Schnell fielen wir zurück. Wir nahmen uns nichts vor, außer Gehpausen. Schließlich muss ich nun auf zwei aufpassen. Natürlich hätte ich mich auch als Walker anmelden können, aber dann... nein. Läufer ist Läufer, egal ob langsam oder schnell.
Also krakselten wir den 5 Kilometer langen Berg mit seinen 250 Höhenmetern zur Homert hinauf. Über Wiesen und an Schafherden vorbei. Die Streckenposten wollte gerade Feierabend machen, aber den gönnten wir ihnen noch lange nicht.

Ein kurzer Seitenblick zu Florian.Wären wir nicht verlobt, ich hätte ihm spätestens da einen Antrag gemacht. Wenigstens lachte er während dieser albern aussehenden Tortur, sonst könnte man noch meinen, ich nötige den armen Kerl.

Papa lief uns entgegen und begleitete uns ins Ziel, in dem seine Lauffreundin Kerstin schon wartete. Letzte. Wir bekamen Applaus, als wären wir die Ersten gewesen.
An einer Waldhütte gab es Kuchen und Wasser. Wir ließen es uns im Schatten schmecken, bewunderten unsere Sonnenbrände und warteten mit Papa und Kerstin auf die Siegerehrung. Logisch, dass die beiden etwas gewonnen hatten, aber als plötzlich mein Name und dann auch noch Florians fiel, waren wir vollkommen aus dem Häuschen.
Unser erster Lauf als Familie und schon haben wir etwas gewonnen!
Okay, wir waren die einzigen in unserer Altersklasse, aber wen juckt es. Den Pokal haben wir uns wohl verdient.


Montag, 16. Mai 2016

Baby on Board

Ich schwebe auf Wolke 7!
Na gut eigentlich trampel ich mit wachsender Kilogrammzahl schnaufend über Asphalt.
Aber ich bin einfach wunschlos glücklich.


Ende Februar sollte ich meinen ersten Halbmarathon dieses Jahr laufen und auch wenn das Training in den letzten zwei Wochen vorher etwas zu wünschen übrig ließ nahm ich mir eine neue Bestzeit von 1h 50 min vor. Für mich eine enorme aber realistische Steigerung. Für andere wohl ein gemütlicher Trainingslauf.
Zusammen mit meinem großen Bruder Marius stand ich trotz frischer 2 Grad in kurzen Hosen und Shirt am Start. Mach ich immer, da kann auch Schnee liegen.
Der Startschuss fiel und ich bemühte mich nicht zu schnell los zu flitzen. Ich fand schnell mein Tempo und der Blick auf die Uhr bestätigte mir mein gutes Gefühl.
Aber dieses Gefühl hielt nicht wirklich lange an. Schon nach 2 km zickte mein Bauch und krampfte. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf ,,Du bist schwanger."
Irritiert blieb ich stehen. Bullshit, ich lief weiter. Das wird das Müsli sein oder ich habe was quer sitzen. ,,Nein du bist schwanger." Wieder blieb ich stehen. ,,Alles okay?" Ich schaute einem Läufer der ebenfalls stehen blieb in sein verschwitztes Gesicht. So wie er schaute musste ich schrecklich hilflos ausgesehen haben.
,,Alles gut, danke," murmelte ich und hoffte, dass er endlich weiter lief. Ob er wusste, dass hier die Zeit genommen wurde?
Das mir bei einem Lauf nicht gut war und es irgendwann über all anfing zu zwicken und beißen, war nichts Neues für mich. Ein jedes Mal bin ich weiter gelaufen bis es von alleine aufhörte, ein jedes Mal kämpfte ich mich bis ins Ziel. Da müsste mir schon einer eine Granate zwischen die Füße werfen, damit ich stehen bleib. Aber an diesem Tag fühlte ich mich als hätte mir einer feste auf den Kopf gehauen. Ich konnte nicht klar denken und taumelte in einer Blase, in der alle Geräusche verstummten und in der es ganz plötzlich erdrückend warm wurde, die erste Runde zu ende.
Ich wollte zum Auto gehen, da fiel mir ein, dass Marius den Schlüssel bei sich hatte. Er würde noch ungefähr eine Stunde brauchen bis er im Ziel war.
Also stellte ich mich an die Strecke und schaute den vielen Läufern beim Runden drehen zu. Als Marius vorbei lief, nahm er mich nicht wahr, so fokussiert war er auf sein Rennen. Dass ich fror, merkte ich erst als eine rundliche Frau in einer Winterjacke von Wellenstein vor mir stand und mir nahe legte, ich solle mich doch lieber anziehen. Danke. Da wäre ich ja nie drauf gekommen.
Sie schlurfte weiter und nahm sich eine große heiße Tasse Kaffee von ihrem Stand.
,,Möchtest du die Jacke von meinem Freund?"
Sarah, die ich in den nächsten 45 Minuten noch kennen lernen sollte, lächelte mich mitleidig an und drückte mir eine dünne, viel zu große Laufjacke in die Hand. Dankbar nahm ich sie an.

Marius lief eine neue Bestzeit und kam aus dem Plaudern nicht mehr raus. Aber ich hörte nicht hin.

Am nächsten Tag, zwei Tage vor meinem Geburtstag machte ich einen Test.
Tatsächlich hatte mich ein Fünf Wochen altes Sesamkörnchen davon abgehalten meinen Halbmarathon zu beenden.
Während andere mir Mut zu sprachen, dass sich mein Lauftief bald erledigen würde, behielt ich mein süßes Geheimnis für mich.

Dienstag, 9. Februar 2016

Vegane Pancakes ★★★★★




Zutaten:

  • 400g Mehl (wobei ich persönlich Dinkelmehl bevorzuge!)
  • 500 ml Sojamilch
  • 2 EL Zucker
  • 2 Tüten Vanillezucker
  • 3 Tropfen Bittermandelöl (werden Geschmack von Marzipan nicht mag, kann auch Rum nehmen!)       
  • 1 Prise Zimt
  • 2 EL Apfelmus
  • 1 Tüte Backpulver
  • 1 Schuss Rapsöl (ein Stück vegane Butter ginge natürlich auch!)


Zubereitung:


Zunächst alle trockenen Zutaten mischen und anschließend die flüssigen Zutaten hinzufügen. Alles gut mit dem Schneebesen verrühren.  Etwas Rapsöl in einer Pfanne erhitzen, kleine Teigportionen in das heiße Fett geben und goldbraun backen, dann wenden und fertig backen. Damit das Ganze nicht zu trocken wird, als Zugabe: Apfelmus, Ahornsirup, Marmelade, Zucker & Zimt oder oder oder.

Fazit:

Also ich muss sagen, als ich die Sojamilch geöffnet habe, dachte ich für einen Moment an meine Kindheit zurück als ich so lange in der Erde gegraben habe bis ich auf Wasser gestoßen bin. Ja so ungefähr sieht das aus. Braun und Klumpig. Wer schon mal versucht hat mit Almased eine Diät zu machen, kann sich den Geschmack sehr gut vorstellen. BÄH!
Nun Augen zu und durch.
Doch! OH WAHNSINN! Die Pancakes schmecken Null nach Soja, also so wirklich gar nicht! Ich weiß nicht ob es am Apfelmus liegt, aber der Teig geht richtig auf und wird super fluffig! Toll! Und Geschmacklich gefallen sie mir tatsächlich besser als normale Pfannkuchen.
Das hätte ich wirklich nicht erwartet und ich kann allen dieses Rezept nur wärmstens empfehlen!



Samstag, 6. Februar 2016

Heute bin ich mal vegan.

Gleich bei unserem ersten Date verkündete Florian mir, dass er Vegetarier ist. Oh man. Wenn er nicht so süß wär.
Als wir dann ein Paar wurden (2 Stunden später) verzichtete ich, zunächst aus Solidarität, auch auf Fleisch. Nach ein paar Monaten dann auch auf Fisch. Ich hatte erwartet, dass es mir fehlen würde. Wenigstens die Hähnchen oder Putenbruststreifen in meinem Salat, aber nein, es fehlt mir an nichts. Vegetarisch sein ist ein Leichtes. Man wird in der Küche kreativ und auch im Restaurant gibt es immer mindestens ein Gericht ohne Fleisch. 
Aber wenn ich mir vorstelle vegan zu sein.
In meiner Klasse habe ich tatsächlich eine handvoll Veganer. Wenn sie morgens ihre Tasche auspacken steht als erstes ein 5 Liter Glasbehälter bis obenhin gefüllt mit püriertem Obst und Gemüse.
Was da alles drin sei? 11 Bananen, 5 Äpfel, 2 Handvoll, Blattspinat, Basilikum, 1 Mango, 100 g Pekanüsse, 3 Orangen....um Himmelswillen! Kann man an einer Überdosis Fruchtzucker sterben?
Ich bereue es zu tiefst als ich erzähle, dass ich Vegetarier bin. Meine Sitznachbarin dreht sich zu mir um. Breit grinsend schaut sie mich an, stößt mir ihren Ellbogen in die Seite und sagt augenzwinkernd :,, Na, da ist der Weg zum Veganer ja nicht mehr weit!"
Nicht mehr weit? Okay, es ist die eine Sache ,,nur" auf Fleisch und Fisch zu verzichten, aber vegan? 
Mal zum Festhalten.
Gehen wir davon aus man ist ein waschechter Veganer. Kein Teilzeit-Veganer der dann doch mal beide Augen zudrückt, wenn sich ein paar Scheiben Mozzarella auf die Pizza verirren, kein ,,Oh ich bin so voll Hipster und vegan ist ja gerade so super, weil das ja alle machen und dann kann das ja nur so mega gut sein!"-Veganer. Nein ein richtiger Veganer, der Tiere mehr liebt als sich selbst und sich eher die Zunge abschneiden würde als ein Tierprodukt zu essen oder zu nutzen.
So ein Veganer verzichtet nicht ,,bloß" auf Fleisch und Fisch. Nein, er verzichtet auf sämtliche Milchprodukte wie Joghurt, Milch, Käse, Sahne, Butter, Quark, auf Dinge wie Eier oder Honig. Ja sogar auf Produkte die nur Spuren von Ei oder Milchpulver enthalten. Und das ist so gefühlt alles.
Nope ich bin noch nicht fertig, ein echter Veganer hat keine Lederschuhe oder Tasche, nein er hat auch keine Daunenfeder in der Bettdecke. Er muss sich extra Kondome kaufen, denn in den normalen ist Gelatine drin! Ja sogar Softdrinks wie Fanta oder auch Apfelschorle erhalten ihre leuchtende Farbe nur wenn sie durch Gelatine gefiltert wurden.
So. Und der Weg ist nicht weit?
Dieser Weg führt über Berge von leckerem Käse, durch köstliche Quarkspeisen und habe ich schon das schlimmste an dem Ganzen erwähnt?
Die essen ja keine... puh ..Schokolade. Zumindest keine Richtige.
Nun hatte ich mal eine Begegnung mit einer kleinen, zierlichen (wieso sind die immer klein und zierlich?) Veganerin. Ihre Naturfarbenen (was sonst) Haare sind mit einer Klammer zusammen gesteckt und am Ende ihrer langen grauen Schlabberhose trägt sie Filzpantoffeln. ,,Wenn du Lust auf Schokolade hast, ich hab welche!" Strahlend schiebt sie mir eine bunte Verpackung aus Pappe rüber. Hinter dem dicken Fairtrade Logo versteckt sich die Öffnung. Ich trau dem Braten nicht. Höflichkeitshalber und vermutlich auch, weil ich echt bock auf Schokolade habe, nehme ich ein Stück. Ich schieb mir die fünf Euro in den Mund und huste kurz. Die Schokolade zerfällt in meinem Mund zu Staub wie Dracula im Sonnenlicht. Ich würg die Erde runter. Es folgt ein Brennen. ,,Huch, was ist denn da drin?" (Düngermittel, Haustaub...) ,,Chili! Möchtest du noch ein..?" ,,Nein!... danke.."

Und dennoch oder vielleicht auch gerade weil ich eine vegane Ernährung für eine echte Herausforderung halte, habe ich beschlossen es mal auszuprobieren. Ich fange damit nicht am Montag an oder am 1. des nächsten Monats, nein ab heute ernähre ich mich voll und ganz vegan.

Für das Erste bis zu meinem Geburtstag am 03.03, wir wollen es ja nicht übertreiben und ich kann mir vorstellen, dass so ein Monat sehr lange werden kann!

Hier auf meinem Blog werde ich euch auf dem Laufenden halten. Was ich esse, wie sich das auf mein Training auswirkt und vielleicht verliere ich noch den ein oder anderen Kilo.

Dienstag, 17. November 2015

Kompanie, lauft!

Nach einer sechs Wöchigen Laufpause und zwei Monaten ohne Wettkämpfe, freute ich mich wahnsinnig auf den Bonner Herbsthalbmarathon.
Zwar war ich nicht in Topform, aber ich vermisste es. Die vielen Läufer, die Startnummer, die meinen Schokoladen-Bauch versteckt, die Aufregung, der Zieleinlauf, der warme Kuchen danach. Herrlich. Munter packte ich meine Tasche und zählte die Minuten bis Papa mich abholte.
Es ging von Köln nach Bonn. Kein sonderlich weiter Weg und Samstags Früh war erst recht nicht viel auf den Straßen los.
Als wir bei der Sportanlage ankamen, sah ich einen Soldaten mit Warnweste, der uns den Weg wies. Okay, die fahren ja große Geschütze auf, dachte ich. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dieser Lauf von Reservisten veranstaltet wird. Ich stieg aus und platschte mit meinen Laufschuhen in eine Matschpfütze. Die alten Treter waren eh überfällig. Ich schüttelte meine Füße und ging mit Papa zur Startnummernausgabe.
Wir hatten noch nicht eine Stufe getan, da rief der Soldat, der unten am Treppenabsatz saß, schon zu uns herauf :,,Hier! Ausfüllen!" Er schob zwei Formulare in unsere Richtung. Was ein fröhlicher alter Kauz. Ich lachte, wenn auch ein wenig verängstig und ging zügigen Schrittes auf den Tisch zu. Name, Geschlecht, Jahrgang. Das wars. Kein Verein. Kein Geburtsdatum, Keine Adresse. ,,Leserlich schreiben!" Ich sah wie Papa neben mir in Zeitlupe Buchstaben malte. Er zitterte. Ohje, fang bitte nicht an zu weinen.
Wir kicherten, als wir zurück zum Auto gingen und waren erstaunt über die Einfachheit dieser Veranstaltung.
Fünf Minuten vor dem Startschuss, beschloss Papa sich noch schnell einzulaufen. Klar was sonst. Ich wartete und lauschte den Anweisungen des Soldaten mit seinem Megafon. ,,Wenn Sie eine Straße überqueren, laufen Sie nicht vor ein Auto. Wir stehen zwar an der Straße, aber wir halten Sie nicht auf. Wenn Sie kein Schild sehen, laufen sie geradeaus. Die Kilometer sind nicht markiert. Sie laufen solange bis Sie wieder hier ankommen. Wer aussteigt, sagt Bescheid, wir haben keine Lust einen Suchtrupp los zu schicken!"
Keine Ahnung wieso, aber dieser rundliche General, mit seinen viel zu kurzen Armen, war mir sehr sympathisch.
Wir versammelten uns alle am Start und hämmerten auf unsere Laufuhren ein. Manch einer suchte noch nach einem GPS-Signal, da wurde plötzlich ein Schuss abgefeuert. Das Uhrengepiepse verstummte. Die Läufer in der ersten Reihe zuckten. Einer von ihnen fragte verunsichert :,,War das der Startschuss?" Der Soldat brüllte ihn an:,, Das läuft hier nach meiner Uhr!" 
Die Läufer stürmten los. Ich lachte und hörte Papa jetzt schon über die verlorenen Fünf Sekunden schimpfen.
Ich ging es langsam an, weil ich nicht einschätzen konnte wie viel Kraft und Ausdauer ich zur Zeit hatte, also genoss ich die Umgebung und die kühle Morgenluft. Die Strecke führte die meiste Zeit durch den Wald, über Asphalt oder Laubbedeckten Waldboden.
Die ersten drei Kilometer vergingen wie im Flug und ich fand meinen Rhythmus. Die schnellen Läufer vor mir waren längst aus meiner Sichtweite und auch hinter mir hörte ich keine Schritte mehr. Ich war mittlerweile bei Kilometer Vier angekommen und stellte fest, dass ich vollkommen alleine war. Alles was ich sah, waren Bäume und der graue Himmel über ihnen. Alles was ich roch, war feuchtes Laub und alles was ich hörte, war mein Atem und der dumpfe Aufprall meiner Füße. Sonst war da nichts. Erst bekam ich die Sorge, dass ich mich verlaufen hatte. Schließlich war die Strecke nicht mehr als nötig mit winzig kleinen Pfeilen markiert und noch nie hatte ich es erlebt, dass ich keinen Läufer mehr um mich hatte. Doch die Freude auf den Lauf nahm mir meine Sorge. Es war einfach viel zu schön. Ich verlaufe mich jedesmal, wenn ich eine neue Strecke erkundschafte und jedesmal finde ich auch wieder zurück. Also lief ich weiter und hing meinen Gedanken nach. Die Minuten verstrichen, da fuhr ein Soldat auf seinem Fahrrad neben mir her. Ich erschrak :,, Bin ich die Letzte?" Ich begann sichtlich zu schwitzen, doch der Soldat lachte nur und rief :,,Noch lange nicht!" Ganz entspannt zog er von dannen und fuhr die Strecke auf und ab. Ungewöhnlich. Bei Kilometer Sieben sah ich in der Ferne etwas Gelbes leuchten, das sich auf und ab bewegte. Fast so wie ein überdimensionaler Textmarker. Ha! Der Textmarker war ein Läufer! Ich zog das Tempo an und versuchte aufzuschließen. Tatsächlich kam ich ihm näher, da hörte ich hinter mir eine Gruppe von vier weiteren Läufern quatschen. Auch sie hatten beschleunigt und peilten eine Zeit von unter zwei Stunden an. Ich freute mich und ernannte sie heimlich zu meinen Pacemakern. Pro Kilometer liefen sie eine Zeit von 5:08 Minuten. Für vier Kilometer hielt ich mit, doch als sie schneller wurden bremste ich mich wieder, denn schließlich hatte ich noch zehn Kilometer vor mir.
Trotz der schnellen Kilometer ging es mir noch erstaunlich gut. Also bemühte ich mich meine Energie in möglichst große Schritte zu verlagern und gleichmäßig zu atmen. Schließlich wollte ich keine Seitenstiche provozieren. Ab und an kamen kleine Steigungen die ich mit langen Sätzen überwand um ja nicht langsamer zu werden. 
Bei Kilometer 16 sagte mir die Uhr 1:26 Stunden. Ich freute mich sichtlich, denn mein Ziel war es unter zwei Stunden zu bleiben und das würde ich wohl auch locker schaffen. Ich legte einen Zahn zu und fragte mich ob Papa wohl schon im Ziel war. In ein paar Jahren würde ich auch so schnell sein. Ganz sicher.
Nur zwei Kilometer vor dem Ziel stand Papa an der Strecke und schaute sich suchend nach mir um. Sein Blick verriet mir, dass er mich noch nicht erwartet hatte. Er lief mit mir und redete auf mich ein. Ab und zu spürte ich seine Hand in meinem Rücken. Also das mit dem ins Ziel schieben hatte er ein bisschen zu wörtlich genommen!
Papa redete sich den Mund fusselig, doch alles was ich hörte war ein dumpfes Surren. Sorry Papa, aber mein Stirnband war so dicht, ich hörte einfach so gut wie nichts.
Egal was er sagte, ich wusste, er wollte, dass ich beiße. Und das tat ich auch. Meine Beine brannten geradezu und mein Atem wurde schwer. Ich lief dagegen an und zwang jede Faser in meinem Körper alle Reserven rauszurücken. 
Ich lief und lief und sah schon von weitem die Soldaten. Ich rauschte an ihnen vorbei bis jemand ,,Halt!" brüllte. Den dünnen Kreidestrich auf dem nassen Asphalt, der die Ziellinie dar stellen sollte, hatte ich übersehen. Macht nichts. Trotz meiner schlechten Form, verbesserte ich meine Bestzeit um ganze fünf Sekunden.
Der Muskelkater ließ nicht lange auf sich warten. Und noch während meine Beine jammerten, plante ich schon den nächsten Halbmarathon.
Papa und ich holten unsere Urkunden ab und eierten zum Auto, als uns eine junge Frau ansprach:,, Entschuldigen Sie? Wissen Sie, ob hier auch normale Menschen parken dürfen?"
Ich lachte und humpelte davon.

Montag, 9. November 2015

Laufen macht schön

Die riesen Flatschen in Schuhgröße 41 platschen auf den Asphalt. Ich schnaufe. Mein Gesicht hat jedes Verständnis von Mimik verloren. Nur noch 200 Meter bis zum Ziel. Alles an meinem Körper, das sich nicht halten kann rutscht mit einem Ruck nach unten, der Sport BH hält auch nicht mehr was er verspricht. Geschafft! Bei 27:34 min fetze ich über die Ziellinie und lasse mich auf die Knie fallen. Der Schweiß brennt in meinen Augen. Ich stehe auf und schüttel mich. Oh ja ihr habt richtig gesehen, neue Bestzeit Freunde. Niemand guckt.

Ja, das bin ich. Ich bei einem meiner ersten Läufe vor einem Jahr. Schön nicht?
Als ich das Bild zum ersten Mal sah, wollte ich es löschen. Ich fand es hässlich und peinlich. Einfach furchtbar. Aber ich habe es gelassen und nach einem Jahr und nach über 30 Wettkämpfen weiß ich nun auch wieso. 
Laufen ist mehr als hübsche Selfies in hübschen Laufklamotten. Zwei von Zehn Bildern beim Laufen werden vielleicht gut. Und der Rest? Den Rest löschen wir, damit niemand sieht wie wir wirklich aussehen. Der Schweiß, die schmerzverzerrten Gesichter die sich nach Erlösung sehnen. Die Haut die einen Abgang macht. 
Laufen ist gnadenlos. Alle Kraft die wir haben verlagern wir in unseren Oberkörper um möglichst aufrecht zu sein, in unsere Beine um große Schritte machen zu können und in unsere Füße um uns abzustoßen. Da bleibt nicht mehr viel Energie für eine Kussschnute oder ein süßes Augenklimpern. 

Wir löschen die weniger schönen Fotos und vergessen dabei was sie wirklich zeigen.
Sie zeigen unseren Kampfgeist, unseren Ehrgeiz. Sie zeigen den Moment in dem wir über unsere Grenzen gehen und alles geben um neue Ziele zu erreichen. Wir wollen uns selber schlagen, wir wollen gewinnen. Wir wollen uns selber beweisen, dass wir es können. Ja, wir sind willensstark und voller Leidenschaft und unser Körper zeigt es mit jeder Faser, mit jeder Schweißperle und mit jeder Blase am Fuß.

Eine sehr gute Freundin von mir ist Krankenschwester und Mama von zwei Kindern. Sie läuft um Zeit für sich allein zu haben. Um abzuschalten und ihren Gedanken nach zu hängen. Das kann manchmal drei Stunden dauern. Sie hat eine wahnsinnige Ausdauer und das viele Laufen macht sich bei ihr bemerkbar. Sie sieht großartig aus. Einfach gesund und schön. 
Egal ob es Sommer oder Winter ist, sie trägt beim Laufen immer lange Hosen, weil sie sich mit ihren Beinen unwohl fühlt. Sie findet sie nicht schön.

Eine Arbeitskollegin von mir, läuft nur im Dunkeln, weil sie gar nicht erst beim Laufen gesehen werden will. Sie fühlt sich schlichtweg hässlich. Dabei ist sie eine junge, hübsche und vor allem schlanke Frau, die sich sehen lassen kann.

Ich würde sie beide gerne schütteln, ihnen die Hosenbeine abschneiden und ins Sonnenlicht schubsen. Ihr seid schön! Jeder Läufer ist schön, weil Laufen schön macht!
Jeden Schritt den wir tun, alles an frischer Luft die wir einatmen sorgt dafür, dass wir gesund sind und bleiben. 
Eine Klassenkameradin sagte letztens zu mir :,, In 10 Jahren wirst du aufwachen und merken wie lächerlich du mit deiner Lauferei bist!" Ich habe mich mit dem Gedanken beschäftigt und festgestellt, in 10 Jahren werde ich aufwachen und merken, dass mein biologisches Alter immer noch 23 ist.

Erst durch meine Lauferei, habe ich meinen Körper wirklich kennen gelernt. Habe erfahren wie sich Grenzen und Schmerzen anfühlen. Laufen ist ein Gefühl. Ein Lebensinhalt. Und wir sollten es für uns tun und uns gut dabei fühlen. Ganz gleich wie schnell oder wie weit wir laufen. Ganz egal ob kurze oder lange Hose, egal ob es hell oder dunkel draußen ist.

Laufen macht so viel mit unserem Körper, was uns gesund und fit hält, aber am meisten macht uns Laufen glücklich und jeder der schon einmal an einer Ziellinie stand, weiß, dass es nichts schöneres gibt, als das strahlende Gesicht eines glücklichen Läufers der gerade einen Kampf gewonnen hat.

Laufen ist eine Leidenschaft die kein Selfie der Welt einfangen kann.


Vielen lieben Dank an meinen guten Freund Francesco. Er hat mich, ganz unbewusst, mit diesem Foto auf die Idee für diesen Blog gebracht :)!




Donnerstag, 15. Oktober 2015

Laufen ist träumen mit den Füßen



Mein Mund schmeckt nach altem Kohl, pappig und fad. Ich drehe den Kopf, nur um festzustellen, dass mein Nacken weh tut. Langsam öffne ich meine Augen und schaue direkt in Florians Gesicht.
Er lacht:
,,Na, hast du vom Laufen geträumt?"
,,Ich weiß nicht mehr, was ich geträumt habe."
,,Deine Füße haben sich bewegt, als würdest du laufen!"
Mit einem langen Gähnen strecke ich mein zerknittertes Gesicht:
,,Ich bin doch kein Hund!"
Ich rolle mich wieder zusammen. Ein paar Minuten dösen gönne ich mir noch.

Vom Laufen träumen.
Als ich ein Kind war, habe ich immer davon geträumt fliegen zu können!
Ganz selten fühlten sich meine Träume so echt an, dass ich mir sicher war, ich konnte die Baumwipfel unter meinen Fingerspitzen spüren.
Die klare Luft atmen und mit den Zehen das Meer berühren.

Eines Tages war ich bei Papa. Ich stieg auf sein Bett und stellte mir vor ich könnte wirklich fliegen. Ich drückte mich mit aller Kraft ab, streckte die Arme in die Luft, blieb mit den Füßen im Laken hängen und knallte wie ein Brett nach vorne mit der Stirn zuerst auf den Boden. 
Ja, das Geschrei war groß. Papa kam gleich angerannt, holte aus der Küche eine Tüte tiefgefrorener Vollkornbrötchen und drückte sie mir an die Stirn.
Für zwei Tage war ich wohl das einzige echte Einhorn auf dieser Welt.

Wenn ich heute fliegen möchte, kletter ich nicht mehr auf ein Bett oder einen Kleiderschrank, springe nicht mehr von der Schaukel oder fahre ungebremst mit Rollschuhen auf Nachbars Böschung zu.
Wenn ich heute fliegen möchte, dann fordert das viel weniger blaue Flecken und Tränen. Heute schlüpfe ich lediglich in meine Laufschuhe.
Ich träume nicht mehr, ich tue es.
Ich laufe los, atme die klare Luft, spüre die kleinen Regentropfen, die auf meine Haut prasseln oder sauge die Wärme der Sonne in mich auf.
Ich laufe immer weiter, immer schneller. Am Wasser entlang, durch die Bäume, über Stock und Stein die Berge hinauf.
Mir ist kalt und gleichzeitig warm,
ich fühle mich geschwächt und gleichzeitig so unfassbar stark.
Meine Beine tragen mich über jedes Hindernis,
so als würde ich schweben.
Ich lasse mich von meinen Füßen durch die Welt tragen
und bewundere die Schönheit der Natur,
bewundere jedes Detail um mich herum,
Vögel, spielende Kinder, das Rauschen der Blätter, das Glitzern des Wassers.
Einfach alles ist so wunderbar.
Mein Körper tanzt zu der Musik der Welt.
Ich fliege.

Das Hupen eines Lkws holt mich zurück. Meine tägliche Runde ist vorbei und ich stehe wieder an der Hauptstraße und warte, dass es grün wird. Ich wische mir die Schweißperlen von der Stirn und spüre den Muskelkater der sich in meinen Beinen ankündigt. Ich stoppe meine Uhr und beschließe die letzten Meter nach Hause zu gehen.
Ich weiß nicht wie schnell ich war, ich weiß nicht wie hoch mein Puls war. Aber das alles spielt keine Rolle, denn was ich weiß, ist, dass ich fliegen kann. Wie hoch und wie weit, entscheide ich selbst.
Ich ganz allein. 




Montag, 5. Oktober 2015

Barfuß


In meinem Beruf als Schuhverkäuferin, habe ich jeden Tag mit den unterschiedlichsten Füßen zu tun. Senkfüße, Spreizfüße, Knickfüße, Plattfüße, Stinkefüße ... Die wenigsten haben von Geburt an solche Fußdeformationen. Ursache ist ganz einfach das Tragen von falschen Schuhen. Nun kann ich meinem Kunden schlecht sagen:,,Puh, Sie haben aber fiese Plattfüße!" Entweder versuche ich ihm ganz charmant ein Fußbett anzudrehen oder ich erzähle ihm, wie schön und gesund doch Barfuß laufen ist...

Der Mensch ist von Natur aus ein Läufer, ein Barfußläufer. Oder hast du schon mal gehört, dass Neandertaler ihr Mittagessen in rahmengenähten Budapestern gejagt haben? Na also. 
Durch das viele Barfuß laufen wird die Fußmuskulatur gestärkt. Ganz besonders dann, wenn man auf weichem Untergrund läuft, der sich dem Fuß anpasst, wie Waldböden, Sandstränden oder Wiesen. Nein, der Kölner Hauptbahnhof ist kein guter Ort dafür. Welcher Hipster sich das ausgedacht hat ist mir ein Rätsel.
Nun ist das leichter gesagt als getan, aber wenn du die Möglichkeit hast, dann nutze sie!
Ich glaube jeder der schon mal durch eine Taunasse Wiese oder durch den warmen Sandstrand gejoggt ist, kann das unterschreiben. Es ist einfach herrlich!

Meine Füße zumindest lassen es sich gerade am Strand von Grömitz gut gehen. Seit mehr als vier Wochen plagt mich eine gemeine Muskelzerrung im Oberschenkel und ich nutze jede schmerzfreie Bewegung aus die mich fit hält. Unter anderem das Laufen im Sand. Es ist anstrengend ja. Aber es macht super viel Spaß!
Also raus aus den Laufschuhen und los geht's! 

Dienstag, 29. September 2015

P- beWEGt


Mein zweiter P-Weg.
Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich in Plettenberg meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Den P-Weg. 21,1 km und 540 Höhenmeter. Der reinste Wahnsinn für eine blutige Anfängerin die zuvor nie weiter als 5 km gelaufen war. Damals habe ich für die Strecke 2:23:42 gebraucht. 2 Stunden, 23 Minuten und 42 Sekunden in denen meine Gefühle eine wahre Achterbahnfahrt durchlebten. Von Wut über Enttäuschung bis hin zur Verzweiflung habe ich alles empfunden nur damit mich am Ende das große Glück übermannte und ich lachend, mit Tränen in den Augen ins Ziel kam.
Ja, ich war vollkommen unvorbereitet, wusste nicht was mich erwarten würde. Dieses Jahr war das anders. Ich hatte viel trainiert, kannte die Strecke und war mir sicher ich würde das Ding locker rocken. Die Tatsache, dass ich im Rheinland nur im Flachen trainieren konnte, habe ich bis zu jenem Tag immer abgewunken. Meine Beine sind stark, ich schaffe das, habe ich gesagt.
Nun war es so weit. Ich holte meine Startunterlagen ab und kaufte mir in der Cafeteria nebenan einen Tee. Der tat unglaublich gut, denn draußen war es kalt und es regnete. Der dicht bewölkte, graue Himmel machte einem wenig Hoffnung auf Besserung. Die Marathonläufer taten mir leid, sie waren schon seit einer Stunde unterwegs. Der Weg im Wald wird rutschig sein.
Ich stöberte ein bisschen in dem Jutebeutel, den man mir bei der Startnummernausgabe gegeben hatte. Eine Flasche Wasser, Werbung, Werbung, Pflaster, Werbung, oh Pferdesalbe, wie praktisch! Werbung und ein Päckchen Magnesium. Ah, eine Trillerpfeife. Klar, die ist das wichtigste beim Laufen. Wer seine Nase frei machen muss, pfeift kurz und der Hintermann hat noch eine Chance dem Schnodder auszuweichen. Clever!
Ich schlürfte meinen Tee gerade aus, als mir eine Hand auf die Schulter klopfte:,, Na Kröte!" Papa war auch schon da und stellte mir Freunde von seinem Lauftreff den Spri(n)tis vor. Ein netter Haufen Läufer die jeden Kilometer mit einem Gläschen Sekt begießen. Macht Sinn, ich laufe schließlich auch nur so viel, damit ich auch viel Schokolade essen kann!
Während die einen Löcher für Kopf und Arme in Müllsäcke schnibbelten, schmierten Papa und ich uns mit Melkfett ein. Den Sinn dahinter weiß ich nicht mehr, aber ich glaube das war, damit der Regen von uns abperlt.
Die Läufer wurden im Start nach Nummern sortiert. Meine Startnummer war vierstellig. Wer denkt sich denn sowas beklopptes aus? Papa und ich taten so, als hätten wir das nicht gesehen und stellten uns weiter vorne hin. Noch ein paar Interviews mit den Favoriten, eine Tanzeinlage von ein paar Zumbamäusen und dann fiel auch schon der Startschuss.
Der erste Kilometer ging noch durch die Stadt, dann folgte ein steiler Berg der in den Wald hineinführte. Die Steigung klammerte sich förmlich um meine Oberschenkel. Auch als der Weg gerade wurde spürte ich noch die Anstrengung und hatte das Gefühl kaum vom Fleck weg zu kommen. Wir passierten rasch die erste 5 km Marke. Obwohl ich mir vorgenommen hatte auf der ersten Hälfte bei keinem Verpflegungsstand anzuhalten, holte ich mir schon beim ersten einen Becher Wasser.

Ich lief weiter und es fühlte sich an als würde es nur bergauf gehen. Selbst die geraden Strecken wurden zur Tort(o)ur. Meine Beine meckerten über jeden Anstieg und die Luft die ich krampfhaft versuchte einzuatmen erschien mir so unfassbar dünn. Ich war noch nicht mal bei der Hälfte und fing jetzt schon an zu kämpfen. ,,Ich dreh um!," dachte ich ,,Das macht doch alles keinen Sinn!" Ich ging ein paar Schritte und konnte nicht fassen, dass ich so kraftlos war. Wo war das ganze Training hin? Innerlich stritt ich mit mir. Umdrehen, weiterlaufen, kämpfen, aufgeben. Ich hätte mich am liebsten auf den Boden gesetzt, die Augen zugemacht und gewartet, dass mich jemand abholen kommt. Ich schüttelte mich, sah nach vorne, versprach mir selbst nicht zurück zu schauen, um auch ja nicht auf dumme Gedanken zu kommen, biss die Zähne zusammen und lief weiter. Aufgeben? Wo sind wir denn hier? Ich gebe doch nicht auf! So etwas gibt es bei mir nicht. So lange ich noch zwei gesunde Beine habe, werde ich in dieses Ziel laufen. Ganz egal wie lange ich brauchen werde. Und ich war mir sehr sicher ich würde langsamer sein als im Vorjahr. Ich lief und lief und konzentrierte mich auf die Bäume und die Sonne die ab und zu durch die dunklen Wolken durchblitzte. Erst da fiel mir auf, dass es schon lange nicht mehr geregnet hat. Kurz vor Kilometer 10 lief ich in ein Tal in dem Hunderte von Menschen warteten, jubelten, klatschten und unsere Namen riefen. Was wäre dieser Lauf nur ohne sie. Ich genoss den Moment und vergaß für einen kurzen Augenblick meine Schmerzen.
,,Alles okay?" Ich schaute in das Gesicht einer besorgten Frau. Offensichtlich, sah ich schon so aus wie ich mich fühlte. ,,Alles bestens!," log ich und versuchte freundlich zu lächeln. Während ich meine trockenen Lippen von den Zähnen schob, quatschte mich ein Läufer von der Seite an ,,Puh, der Berg war hart! Kommt da noch einer?" Einer? Süß. ,,Spar dir deine Energie! DER Berg kommt noch!"
Und er kam. Der Berg der mich im letzten Jahr die meisten Nerven gekostet hat. Er ist nicht besonders steil oder so. Aber er zieht sich in die Länge. Immer wenn man dachte ,,Jetzt ist aber mal Schluss!", ging es weiter hoch hinaus. Und so war es dann auch. Die nächste Stunde verging wie in Zeitlupe. ,,Es würde an ein Wunder grenzen, wenn ich das Ziel unter zweieinhalb Stunden erreichen würde", dachte ich. Ich stellte mich schon darauf ein, die Besenpferde hinter mir zu hören.
Die letzten drei Kilometer wurde ich erlöst. Es ging auf einem schmalen Pfad bergab. Der Boden rutschte unter mir weg und ich musste mich konzentrieren nicht hinzufallen. Der letzte Kilometer ging dann wieder durch die Stadt und ich machte große Schritte, weil ich einfach nur noch ankommen wollte. Die Leute klatschten und ich bemerkte bei jedem Auftreten ein unangenehmes Ziehen im Oberschenkel. Ich ignorierte es und lief weiter. Die letzten Meter. Geschafft! Nach 2 Stunden 16 Minuten und 17 Sekunden überquerte ich die Ziellinie und stand kurz darauf auf der Bühne. Der Moderator schaute mich sehr mitleidig an. Da bemerkte ich erst, dass ich weinte. Ich ging über die Bühne, ließ mir eine Medaille und ein Finisher Shirt geben. Papa kam direkt auf mich zu und ich ließ mich wie ein kleines Kind in seine Arme fallen und weinte. Auch wenn man es jetzt kaum glauben mag, aber vor Freude!
Papa und ich liefen zum Auto, als ihm seine Urkunde aus der Tasche fiel. Ich versuchte mich zu bücken, genau so wie der Mann neben mir. Und während wir so in Zeitlupe auf dem Boden rum krochen, schauten wir uns an und fingen laut an zu lachen. Zwei Senioren mit Rollator waren gar nichts gegen uns.
Die Muskelzerrung in meinem Oberschenkel, klingt heute noch, drei Wochen später, nach.